Chronik

 
 
1800


1806

1806 erschien eine Anzeige zur Gründung des Geschäfts von Löwenstein auf dem Eisleber Topfmarkt. [Mansfelder Annalen, 16 Jg, Eisleben 1806, S. 54]



1808

27.01.1808

In Folge des Tilsiter Friedens kam Eisleben zum neugeschaffenen Königreich Westphalen. Mit dem Dekret vom 27. Januar 1808 wurden die den Juden auferlegten Abgaben aufgehoben. Die Juden erhielten dieselben Rechte und Freiheiten, welche die übrigen Untertanen genossen, und wurden in ihren politischen und bürgerlichen Rechtsverhältnissen den übrigen Untertanen gleichgestellt. Die jüdische Religionsgemeinschaft wurde durch ein jüdisches Konsistorium in Kassel beaufsichtigt und verwaltet. Als dessen Bezirke galten die Synagogen-Gemeinden, wobei die Juden verpflichtet waren, der jeweiligen Gemeinde beizutreten und Familiennamen anzunehmen. Mit der allgemeinen Gleichstellung wurde auch die Ansiedlung von Juden in Eisleben wieder möglich.



1809

25.03.1809

Der erste Jude erhält in Eisleben die Genehmigung für den Betrieb eines Gewerbes. Brief des Saale Departements in Halberstadt, Königreich Westphalen, an den Bürger israelitischen Glaubens

Abraham Schutzer aus Zurau:

„Mein Herr

Auf Ihr untern 21. d.M. bei mir eingereichtes Schreiben, worin Sie und der Coinsand zur Etablissierung einer Handlung mit Schnittwaren in Eisleben, in Compagnie mit Ihrem Schwager Wolff Sommerfeld, nachsehe, bescheide ich Sie hierdurch, daß sie sich diesen Fall prüft, die Mairie zu Eisleben selbst von denselben Ihren Gesuch übrig und nichts entgegen stehen dürfte, in sofern Sie nur das vorschriftsmäßige Patent zur Schnitthandlung lösen. Die mir eingereichten Muster anfolge zum weiteren Gebrauch hinbei zurück.

Halberstadt den 25. März 1809

Der Prüfer des Saale Departments“ [632]


Juni 1809

In einer handschriftlichen Notiz schreibt ein Pfarrer der Stadt Eisleben: "Im Monat Juni ließ sich die erste Judenfamilie hier nieder. Die Frau gebar bald nach ihrer Herkunft einen Sohn, zu dessen Beschneidung ich herzlichst eingeladen wurde. Ich begab mich am bestimmten Tage in die Wohnung der Jüden, Wolf Sommerfeld genannt, war Zuschauer bei der Beschneidung und sodann Gast mitten unter 10 Juden, deren gutes, höfliches Betragen gegen mich ich nicht genug loben kann. [Stadtarchiv Eisleben, ohne Reg.-Nr.]


In den Aufzeichnungen des Diakon Johann Friedrich Elteste der Sankt Nikolai Kirche in Eisleben aus den Jahren 1806 bis 1820 wird das selbe Ereignis beschrieben:


Im Juni 1809 beschreibt der Diakon folgendes Erlebnis:

“Im Monat Juni ließ sich die erste Judenfamilie hier wohnhaft nieder. Die Frau gebar bald nach ihrer Herkunft einen Sohn, zu dessen Beschneidungsfeste ich, als ich die Geburts-Akte aufnahm, feierlichst eingeladen wurde. Ich begab mich auch am bestimmten Tage in die Wohnung des Juden Wolf Sommerfeld, war Zuschauer bei der Beschneidung und sodann Gast mitten unter 10 Juden, deren gutes, höfliches Betragen gegen mich ich nicht genug loben kann. Welche Aufklärung! Welcher Jude hätte wohl vor 50 Jahren einen evangelischen Prediger an seinen Tisch setzen und mitschmausen lassen, und welcher Prediger hätte wohl gewagt, mit einer Gesellschaft Juden zu essen!” Im Januar 1809 beklagt sich der Diakon “Die Verachtung des öffentlichen Gottesdienstes nimmt immer mehr überhand” … “bei den Wenigsten nimmt man ein tätiges Christentum wahr.”…” Da, wo der Mann sein Dasein erhielt, den Gott als Werkzeug brauchte, der gesunkenen Religion wieder aufzuhelfen, herrscht jetzt sichtbare Verachtung des Heiligtums.”

Hinzufügen möchte ich, dass in der beschriebenen Zeit Eisleben und Umgebung sehr stark durch die napoleonischen Kriege in Mitleidenschaft gezogen war. Der Diakon starb am 15.Juni 1820 in Eisleben.



1812

Gründung der jüdischen Gemeinde zu Eisleben.


06.08.1812

Notiz aus der Stadtchronik Eislebens: "1812, 6. August ist allhier der erste Israelit namens [Herrmann] Schutzer auf dem Gottesacker zu Neuhelfta begraben worden." Neuhelfta wurde der Bereich um die Rammtorstraße genannt. Gemeint ist also der Alte Jüdische Friedhof zwischen Siebenhitze und Rammtorstraße.



1814

09.09.1814

Die erste Synagoge

Nachdem die Zahl der Juden in Eisleben so groß wurde, dass man eine Gemeinde bilden konnte, weihte die Judenschaft Eislebens, am 9. September 1814 ihren Gebetsraum in den Räumen eines Wohn- und Geschäftshauses in der Langen Gasse (heute Lutherstraße 25) ein. Hier wurde der Sabbat gefeiert und die religiösen Feste begangen. Das Haus der Synagoge diente im 19. Jahrhundert auch als Religionsschule und Wohnhaus für den Kantor.

Der erste Lehrer, Schächter und Vorsänger in Eisleben war Aron Elias Wallmann aus Quedlinburg. Trotz  erheblicher Anfeindungen blieb er bis 1824. 1830 wird er noch als jüdischer Lehrer in Quedlinburg genannt.


Lieferung von Tuch durch die Kaufleute Bergheim und Schutzer in Eisleben an das preußische Militär- und Zivilgouvernement für das Land zwischen Weser und Elbe zu Halle bzw. Halberstadt. [1019]


1823

Schon am 5. Juni 1823 waren die zivilen Rechte der Juden in Preußen per Gesetz wieder eingeschränkt worden. So war die passive Wählbarkeit an die Bedingungen  der „ Gemeinschaft mit einer der christlichen Kirchen“ geknüpft.



1830

Der Zutritt zu akademischen und Schulämtern wurde den Juden in Preußen am 4. Dezember 1830 wieder entzogen.



1832

Zahl der jüdischen Einwohner in Eisleben: 17

Schulpflichtige Kinder: 6, Lehrer: Eliakum Manasse Bieber



1838

In der statistischen Darstellung des Mansfelder Gebirgskreises, dazu gehörte auch Eisleben, wurde ermittelt:

33.615 evangelische Christen

36 römischkatholische Christen

76 Juden

8 Taubstumme

31 Blinde



1839

Zahl der jüdischen Einwohner in Eisleben: 22

Schulpflichtige Kinder: 7, Lehrer: Eliakum Manasse Bieber



1843

In einem Bericht der Regierung in Merseburg an den preußischen Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten werden folgende Zahlen über die im Synagogen-Bezirk Eisleben wohnenden Jeden angegeben:


Seekreis Mansfeld

Überhaupt: 106

Darunter schulpflichtige Kinder: 12


Davon in der Stadt Eisleben

Überhaupt: 105

Darunter schulpflichtige Kinder: 12


Davon in dem Dorf Friedeburg

Überhaupt: 1


Gebirgskreis Mansfeld

Überhaupt: 76

Darunter schulpflichtige Kinder: 8


Davon in der Stadt Hettstedt

Überhaupt: 22

Darunter schulpflichtige Kinder: 3


Davon in der Stadt Mansfeld

Überhaupt: 8

Darunter schulpflichtige Kinder: 0


Davon in der Stadt Leimbach

Überhaupt: 16

Darunter schulpflichtige Kinder: 1


Davon in der Stadt Ermsleben

Überhaupt: 30

Darunter schulpflichtige Kinder: 4


Insgesamt waren es also 182 Juden, wobei z.B. Sangerhausen nicht mitgerechnet wurde, da es nicht zu Preußen gehörte.


Ausführlicher hießt es:

In Eisleben wird die Mitgliedschaft von Söhnen der zu Gemeindelasten beitragenden Mitglieder, ohne Unterschied des Vermögens durch ein Anzugsgeld von 12 rt erworben. Auswärtige Juden, welche das städtische Bürgerrecht [42r] erwerben und sich als Mitglieder der Judengemeinde aufnehmen lassen wollen, haben sich mit der letztem über das Anzugsgeld besonders abzufinden. Außer diesem Anzugsgelde sind alle Mitglieder der Gemeinde verbunden, die durch Unterhaltung des Gottesdienstes, des Cantors, des Lehrers und sonst entstehenden Ausgaben, nach einer durch Stimmenmehrheit zu entscheidenden Abschätzung, zu übertragen. Übrigens erlischt die Mitgliedschaft nicht sogleich mit dem Wegzuge sondern erst nach 2 Jahren. [...]


In Eisleben findet fast gar keine Repräsentation statt. Eine von uns unterm 30-ten Januar 1841 genehmigte Synagogen-Ordnung spricht zwar von Gemeinde-Repräsentanten, allein diese sind nicht ins Leben getreten; der Tempelvorsteher, der Gemeindevorsteher und der Kantor sehen auf Ruhe und Ordnung beim Gottesdienst, und werden von sämtlichen Gemeindemitgliedern gewählt.  [...]


Die Gemeinde in Eisleben hat ebenfalls keinen Rabbiner, auch sich bis jetzt keinem auswärtigen Rabbiner angeschlossen. Der Kantor wird von derselben auf Kündigung angestellt, nachdem die Wahl von uns genehmigt worden ist. Außer seinen Funktionen beim Gottesdienst im Tempel hat derselbe den Religionsunterricht der schulpflichtigen Kinder zu besorgen, verrichtet auch die Beschneidung der Knaben insofern er durch das Attest eines Rabbiners dazu qualifiziert ist, nicht minder das Fleischschächten, und wird durch Schulgeld und andere fixierte Einnahmen neben freier Wohnung mit 120 rt besoldet. Da weder dem Tempel noch dem Gemeindevorsteher ein Strafrecht zusteht, so hat derselbe etwaige Mängel in der Amtsverwaltung des Kantors auf gütlichem Wege zu rügen, und nach Befinden die Beschwerdepunkte durch den Magistrat zu unserer Entscheidung zu bringen. [...]

Ein Oberrabbiner ist weder in Halle noch in Eisleben angestellt. [...]

In Eisleben ist außer dem Tempelvorsteher und Kantor beim Kultus keine Person angestellt. Der erstere wird wie der Gemeindevorsteher von den die Gemeindelasten tragenden Mitgliedern auf 2 Jahre gewählt und verrichtet sein Amt unentgeltlich. Außerdem sind in Hettstedt und Leimbach jüdische Lehrer angestellt; in letzterem Orte ist er zugleich Vorsänger und Schächter. [...]

In Eisleben besitzt die Gemeinde ein eignes Haus, worin sich die Synagoge, die Badeanstalt für die Frauen und die Kantor-Wohnung befinden, einen Begräbnisplatz und die zu Ausübung des Gottesdienstes erforderlichen Gesetzrollen und Utensilien. Besondere Revenuen und Stiftungen für Armen- und Krankenpflege, Beerdigungen sind nicht vorhanden. In Ansehung der Kranken- und Armenpflege gehört die Judengemeinde zur Stadtgemeinde.


Hierbei bemerken wir noch, dass in Hettstedt die Toten von der anhaltischen Stadt

Sandersleben beerdigt, zu Mansfeld und Leimbach aber sich die Juden einen besondern Begräbnisplatz angelegt haben, so wie das in Ermsleben die Familie Rosenthal für sich einen Begräbnisplatz besitzt und solchen auch den übrigen dort wohnenden Glaubensgenossen verstattet. Aus Könnern, Lübejün und Wettin werden die Toten in dem benachbarten anhaltischen Städtchen Gröbzig beerdigt. Den jüdischen Familien zu Übigau und Wahrenbrück im Kreise Liebenwerda ist durch eine eigene Allerhöchste Kabinetsorder vom 4. Februar 1843 der Besitz eines von ihnen erkauften, zum Begräbnisorte für ihre Verstorbenen bestimmten Platzes, gestattet werden. [...]


In Halle werden die Kultuskosten nach einem von uns bestätigten Regulative vom 6-ten Februar pr. Vorsteher, Kassierer und 5 Deputierten repartiert und vom Kassierer eingezogen. In Eisleben werden selbige wie alle sonstige Gemeindelasten nach §6 der bestehenden Statuten nach einem alljährlich der Ortsbehörde vorzulegenden Etat nach einer unter und von den Gemeindemitgliedern vorgenommenen Abschätzung nach den Vermögensverhältnissen aufgebracht, jedoch leisten die Mitglieder gewisse wöchentliche Beiträge, wovon der geringste Satz 1 Sg. 6 d ist, und das Fehlende wird nur auf dem Wege der Abschätzung aufgebracht. Die Einziehung der Beiträge besorgt der Cantor und liefert solche an den Rechnungsführer, die etwaigen Überschüsse aber an den Gemeindevorsteher ab.



1847

Noch 1847 hieß es in einem Gesetz über die Verhältnisse der Juden vom 23. Juli im § 3: „Ständische Rechte können von Juden auch ferner nicht  ausgeübt werden. Soweit diese

Rechte mit dem Besitz eines Grundstückes verbunden sind, ruhen  dieselben, solange das  Grundstück von einem Juden besessen wird.“ In diesem Gesetz wurden die Juden zu Religionsgenossenschaften mit kooperativen Rechten konstituiert.

Die Stadt legt ein Register für „Geburten, Heiraten und Sterbefälle unter den Juden“ an, das bis 1874 geführt wird und heute im Landesarchiv in Merseburg aufbewahrt wird.



1849

Die Frankfurter Nationalversammlung beschloss die bürgerliche Gleichberechtigung, was aber nach der Revolution aber wieder aufgehoben wurde.



1850



1850

30.08.1850

Einweihungsfeier der umgebauten und erweiterten Synagoge in der Langen Gasse. Die Predigt hielt Ludwig Philippson (1811-1889), Oberrabbiner in Magdeburg. Der Text der Predigt ist überliefert.



1857

Eisleben became a district synagogue community, with which Hettstedt, Leimbach and Sangerhausen were affiliated. [The Encyclopedia of Jewish Life Before and During the Holocaust: A-J von Shmuel Spector, Geoffrey Wigoder.]



1859

Am 3. Februar verfasste die Repräsentantenversammlung ein „Statut für die Synagogengemeinde in Eisleben“, dass am 28. Februar mit zwei Modifikationen durch den Oberpräsidenten der Provinz Sachsen in Magdeburg Witzleben bestätigt wird. Das Statut liegt in gedruckter und gebundener Form vor. Im Vorstand waren S.M. Simon, H. Schutzer und H. Löwenstein. Die Repräsentantenversammlung bestand aus E. Bieber, A. Salzmann, Isidor Simon, M. Wahl, M. Schwabe, H.L. Schutzer, I. Heilbrun, A. Adelheim und Moritz Bernstein.

Es enthält 90 Paragrafen und behandelt die Themen:

  1. Gemeindebeiträge

  2. Vertretung der Gemeinde

  3. Repräsentanten

  4. Gemeindevorstand

  5. Vorstandskommission

  6. Geschäftsverhältnisse des Vorstandes und der Repräsentantenversammlung

  7. Unterrichtswesen

  8. Begräbnisplatz der Gemeinde

  9. Synagogen-Stände

  10. Armen- und Krankenpflege

  11. Kassenverwaltung

  12. Gemeindebedarf und Abgabewesen

  13. Beamte der Synagogengemeinde

  14. Aufsicht über die Gemeindeverwaltung

  15. Änderung des Statuts



1860

Am 2. April gab sich die Repräsentantenversammlung eine Geschäftsordnung. Vorsitzender war H.L. Schutzer.



1862

Im Bürgerbuch von Eisleben sind verzeichnet:

Lewin, Marcus, Kantor der Gemeinde

Lewin, Siegmund, Kaufmann, Markt 47

Löwenthal, Emil, Kaufmann, Markt 19/20

Königsberger, Wilhelm, Kaufmann, Markt 39, Wohnung, Bahnhofstraße 12

Hirschfeld, Doris, Handelsfrau, Freistraße 38

Hirschfeld, Wilhelm, Zigarrenhändler, Klosterstraße 42

Heilbrun, Emilie, Schloßplatz 3, Rentiere

Heilbrun, Gustav, Bankgeschäft, Schloßplatz 2

Heilbrun, I. u. Co. Freistraße 102, Bankgeschäft, Ecke Schloßplatz

Heilbrun, Moritz, Kaufmann, 102, Freistraße

Heilbrun, Otto, Bankgeschäft, Schloßplatz 3

Hamburger, Caroline, Handelsfrau, Markt 3

Gottschalk, Wolf, Hallesche Straße 21, Rentier

Frank, Isaak, Nikolaistraße 28

Franke, August, Bahnhofstraße 3, Kaufmann

Franke, Karl, Freistraße 25, Kaufmann

Frank, Therese, Bahnhofstraße 3, Rentier

Frankenbach, Mathilde, Rentier, Bahnhofstraße 13

Frankenbach, Moritz, Kaufmann, Freistraße 102,

Bernhardt, Carl, Kaufmann, Verbindungsstraße 24

Bernhardt, Isaac, Händler, Grabenstaße 60

Bernhardt, Moses, Kaufmann,  Jüdenhof 12

Bernhartdt, Otto, Handelsmann, Lindenstraße 14

Bernhardt, Simon, Handelsmann, Freistraße 38

Goldstein, Julius, Handelsmann, Zeißingstraße 19

Moses, Samuel, Kaufmann, Glockenstraße 5

Cohen, August, Geschäftsführer, Plan 1

Bräutigam,



1869

Erst 1869 ist in Preußen und im Norddeutschen Bund die Gleichberechtigung hergestellt worden. Das entsprechende Gesetz wurde ins Deutsche Reich übernommen. Allerdings wurden auch jetzt eingewanderte Juden nicht gleichgestellt, weil sie ihre deutsche Abstammung nicht nachweisen konnten. Auch die Synagogengemeinden wurden nicht als Körperschaften öffentlichen Rechts anerkannt. In studentischen Verbindungen und in der Armee waren Juden nicht anerkannt. Es gab bis 1914 keinen jüdischen Offizier in Preußen. 


1888

Benno Goldstein eröffnete 1888 mit seiner Mutter in der Vicariatsgasse 7  in Eisleben ein Wollwaren- und Stoffgeschäft, das später in der Sangerhäuser Straße 1-3, zu einem Kaufhausneubau erweitert wurde. [7]


1897

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 12. Februar 1897:

Weißenfels, 7. Februar 1896. Nach der endgültigen Feststellung der Volkszählung vom 1. Dezember 1895 wohnen in der Provinz Sachsen unter 2.698.549 Einwohnern 7.850 Juden, und zwar im Regierungsbezirk Magdeburg 4.066, Merseburg 1.808 und Erfurt 1.976. Für die größeren Städte über 20.000 Einwohner stellt sich die Zahl der Juden folgendermaßen:


  1. Magdeburg unter 215.000 Einwohner - 2006 Juden

  2. Halle 116.000 Einwohner - 1.046 Juden

  3. Erfurt 80.000 Einwohner - 768 Juden

  4. Halberstadt 42.000 Einwohner - 780 Juden

  5. Mühlhausen 30.000 Einwohner - 220 Juden

  6. Nordhausen 27.500 Einwohner - 489 Juden

  7. Weißenfels 26.000 Einwohner - 90 Juden

  8. Zeitz 25.000 Einwohner - 44 Juden

  9. Aschersleben 24.000 Einwohner - 157 Juden

  10. Eisleben 23.000 Einwohner - 130 Juden

  11. Quedlinburg 22.000 Einwohner - 89 Juden

  12. Naumburg 21.000 Einwohner - 16 Juden

  13. Stendal 21.000 Einwohner - 100 Juden     



1900



1904

In einen Schreiben aus den Jahre 1904 an Herrn S. Rosenberg in Hettstedt tadelt der Vorstand dieses Betragen. Dort hieß es: "Sie geben als Grund Ihres öfteren Fernbleibens von religiösen Handlungen in Eisleben an, daß sie Ihre Verpflichtungen nicht erfüllen können, da die religiösen Vorschriften vorschreiben, den Tempelbesuch zu Fuß vorzunehmen. Dazu wäre die Entfernung zu groß. Wir haben aber in Erfahrung gebracht, dass Sie die Gottesdienste in Sandersleben besuchen und dies „tun Sie auch nicht zu Fuß." Herrn Rosenberg *wurde es gestattet, auf Grund der Entfernung, die Eisenbahn zu benutzten, um an den Gottesdiensten in Eisleben teilnehmen zu können. Um Gemeindemitglieder zu halten, nahm der Vorstand sogar einen Verstoß gegen die Vorschriften in Kauf. [191]



1913

01.05.1913

Erweiterung des Warenhauses A. Goldstein

Im Jahre 1912 kaufte Benno Goldstein das baufällige Grundstück Sangerhäuser Straße Nr. 3. Nach dessen Abriss und durch Errichtung eines dreigeschossigen Anbaues, vergrößerte er in seinem Warenhaus die Verkaufsflächen in der I. und II. Etage. Die Eröffnung dieses Teiles des Warenhauses A. Goldstein fand am 1. Mai 1913 statt. Der Höhenunterschied von der alten zur neuen Verkaufsfläche musste in den beiden oberen Etagen durch jeweils 5 Stufen überwunden werden. Im Erdgeschoß des Anbaues entstand eine große Toreinfahrt zur Warenanlieferung. Ferner wurden Ausstellungs- und Lagerräume geschaffen. Verbunden mit der Eröffnung dieses neuen Warenhausteiles waren die Feierlichkeiten zum 25-jährigen Geschäftsjubiläum der Fa. A. Goldstein in Eisleben. [26]


21.05.1922

1916 Jahr erwarb die Stadt den Sportplatz mit Radrennbahn zwischen Hallescher Straße und Landwehr vom Zimmermeister Voigt. Man errichtete hier zunächst vier Tennisplätze und plante den Bau eines Freibades, längs zur Bösen Sieben. Dieser Vorgang wurde ab 1920 in der Stadtverwaltung wieder beraten. Man stimmte dem Bau unter dem Vorbehalt zu, dass durch private Spenden die Finanzierung gesichert werde. Der erfolgte Spendenaufruf war ein voller Erfolg. Die Mansfeld AG, die Fa. August Haubner und die Fa. Benno Goldstein spendeten neben vielen anderen je 20 000 Mark. Zur Ausführung kam das Projekt des Stadtbaurates Leypold aus dem Jahre 1913 mit nur geringen Abänderungen. [526] Das städtische Freibad wurde am 21. Mai 1922 eröffnet - nach einer Bauzeit von nur wenigen Monaten. [761]


1923

Im November wird der jüdische Friedhof in Sandersleben geschändet.


9. Juli 1923

Der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Eisleben nimmt Stellung zu den blutigen Ereignissen vom 24. Juni, als in Eisleben Teilnehmer eines Stahlhelmtreffens und eines Festes der Gewerkschaften aneinander geraten waren. Die Synagogen­gemeinde tritt Gerüchten entge­gen, wonach angeblich von jüdischer Seite „große Beträge auf den Raub von Fahnen der Vaterländischen Verbände ausgesetzt worden seien“. Bisher sei es nicht gelungen, „den Urheber oder ir­gend einen Verbreiter dieses Ge­rüchts festzustellen, um ihn straf­rechtlich zur Verantwortung zu ziehen", heißt es. Keiner der „feigen Verleumder" habe es bisher gewagt, mit seiner Person für die Richtigkeit dieser Behauptung einzustehen, die in Berlin von der Deutschen Tageszeitung verbreitet worden sei. Die Erklärung endet mit den Worten: „Der Vor­stand der Synagogengemeinde zu Eisleben hat die ,Deutsche Ta­geszeitung' ersucht, ihren Gewährsmann zu nennen, und eine Richtigstellung der falschen Meldung zu bringen."


1924

Am Vorabend der Reichstags- und Kommunalwahlen wendet sich die Ortsgruppe Eisleben des „Centralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" an die Öffentlichkeit: „Kaum je ist wohl in der Geschichte der Wahlkämpfe soviel Schmutz auf die jüdischen Mitbürger geworfen worden wie in den letzten Monaten und Wochen von den fanatisch-antisemitischen völkischen Parteien und Verbänden. Es ist nichts gemein und widersinnig genug, was diesen Herrschaften für ihre Wahlzwecke nicht dienen könnte; nichts gibt es, woran die Juden nicht schuld sein sollen. Die allgemeine Verwirrung der Geister in diesen Zeiten schwerster wirtschaftlicher Nöte und Kämpfe beuten gewissenlose Hetzer und ihre Hintermänner aus, um auf Kosten der Juden Wahlgeschäfte zumachen..."Es würde das deutsche Volk in das bitterste Elend stürzen, wenn sie ans Ruder gelangten.“


1925

Wahlberechtigte Mitglieder der Synagogen Gemeinde Eisleben

Aus Eisleben: 27

Von außerhalb: 20

[BX VI 118 29620 f]


Eisleben: 88 Juden

Mansfelder Gebirgskreis: 35 Juden

Mansfelder Seekreis: 43 Juden

Insgesamt: 166 Mitglieder der jüdischen Gemeinde [191]



1926

Umbau des Warenhauses A. Goldstein

Im Jahre 1926 erfolgte der Umbau des gesamten Warenhauses in der Sangerhäuser Straße. Die Fassade des Gebäudes wurde völlig verändert. Die zahlreichen angebrachten Sandsteingewände und -ornamente wurden entfernt. Es erfolgte der Einbau neuer großer Schaufenster in allen drei Verkaufsetagen. Später wurde der Eingangsbereich des Warenhauses von der Ecke zur Mitte des Gebäudes verlegt. Hierbei wurde gleichzeitig der Abbau des am Gebäude befindlichen Eck Erkers mit der darauf befindlichen Turmspitze vorgenommen. Auch die neben der Eingangstür stehenden Sandsteinsäulen wurden entfernt. Es folgte ein schon lange geplanter Anbau über drei Etagen zur Vergrößerung der Verkaufsflächen im hinteren Bereich. Auch hier wurde wieder ein Lichthof in der Mitte der neuen Verkaufsfläche vom Erdgeschoß bis zur II. Etage eingebaut. Mit der Eröffnung dieser neuen Verkaufsabteilungen war die Nutzung des Souterrains als Ausstellungs- und Verkaufsraum, als besondere Abteilung für Möbel, nicht mehr erforderlich. Es wurde fortan nur noch als Lagerfläche genutzt. Die großen Ausstellungsfenster im Souterrain wurden geschlossen und die Lichtschächte verfüllt. [26]



1933



30.01.1933

Hitler wurde vom Reichspräsidenten Hindenburg zum Reichskanzler ernannt.


12.02.1933

Am 12. Februar wurden beim Überfall eines SA-Trupps auf die Geschäftsstelle der KPD-Unterbezirksleitung am Breiten Weg 30 (zur DDR-Zeit „Straße der Opfer des Faschismus“) zahlreiche Personen schwer verletzt und drei ermordet. Seitdem spricht man vom Eisleber Blutsonntag. Am nächsten Tag Hausdurchsuchungen und Verhaftungen bei KPD-Mitgliedern.


24.02.1933

Zeitungsartikel 1933: Jüdische Presse, Organ für die Interessen des orthodoxen Judentums

Wien-Bratislava, 24. Februar 1933:

„Jüdische Tragödie in Eisleben. In Eisleben bei Berlin wurde ein jüdischer Kaufmann von drei S. A.-Leuten überfallen und schrecklich zugerichtet. Die Täter sind bekannt und der Polizei namhaft gemacht worden. Eine Verhaftung ist jedoch nicht erfolgt. Dagegen wird der schwer verletzte Kaufmann von der Polizei heftig bedrängt, weil am Tatort sein Spazierstock gefunden wurde.“


27.02.1933

Zerstörung des Reichstagsgebäudes durch Brandstiftung. Die Verfolgung politischer Gegner, insbesondere von Sozialdemokraten und Kommunisten, begann und wurde nach dem Reichstagsbrand weiter verschärft.


02.03.1933

1933:  Die Stimme, Jüdische Zeitung

Wien, Donnerstag, 2. März 1933 (4. Adar 5693)

Wie es dem jüdischen Kaufmann Karl Helft in Eisleben erging, Berlin. Der Chefredakteur des "Vorwärts" Friedrich Stampfer, der sich nach Eisleben begab, um die blutigen Vorgänge, die sich dort abspielten, persönlich zu untersuchen, meldet seiner Zeitung über den Fall des jüdischen Kaufmannes Karl Helft: "In der Augenklinik des Dr. Mücke liegt der Kaufmann Karl Helft, ein Mann, der im wirtschaftlichen Leben der Stadt eine angesehene Stellung einnimmt, aber nichts desto weniger ein aufrechter Republikaner ist. Am letzten Donnerstagabend ging er allein über den Marktplatz, als etwa 30 Nationalsozialisten über ihn herfielen. Sie warfen ihn zu Boden und traten ihm mit den Stiefelabsätzen ins Gesicht. Der ganze Körper ist mit Verletzungen bedeckt. Die schlimmste ist die am linken Auge: Riss der Hornhaut. Der Arzt hofft jedoch, die Sehkraft erhalten zu können.


05.03.1933

Bei den Reichstagswahlen gewannen die Hitler tragenden Parteien, NSDAP und DNVP, die absolute Mehrheit.


01.04.1933 - Boykott

Boykott gegen jüdische Geschäfte. Nach den Wahlen häuften sich die Übergriffe auf Juden und deren Geschäfte. Die lokalen Aktionen von SA und NSDAP mündeten am 1. April in einen reichsweiten Boykott „jüdischer Geschäfte".


Auch in Eisleben kam es zu Gewaltakten gegen Juden: "Herr Graumann und dessen Begleiter Herr Papritz wurden vor der Post auf dem Schloßplatz so zusammengeschlagen, dass sie in ihrem Blute in der Gosse lagen. Dies geschah nur, weil sie auf dem Bürgersteig und nicht auf der Fahrbahn gelaufen waren. [191]


Der von Gauleiter Wilhelm Loeper verordnete Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 hatte in Sandersleben keinen durchschlagenden Erfolg, da es auch Sanderslebenener gab, die sich nicht vom Betreten des Geschäftes von Hermann Adler zurückhalten ließen. Um das zu verhindern, schlug ein SS-Mann auf einen Passanten ein ein. Das löste Proteste Sanderslebener Bürger aus, was schließlich zu Verhaftungen führte und einen Menschenauflauf zur Folge hatte. [29]


Der Allgemeine Roßlaer Anzeiger und die Sangerhäuser Zeitung riefen vor in großen Lettern zum „Boykott der Juden“ auf. Für Sonnabend, den 1. April 1933, kündigte die Naziführung an, vor allen jüdischen Geschäften SA- und SS-Posten aufzustellen, um die Kundschaft fernzuhalten. In Sangerhausen verlegte man die Aktion um einen Tag vor. Die Sangerhäuser Zeitung berichtete, dass „Abteilungen der SA und SS die jüdischen Ladengeschäfte besetzt und die Inhaber zur Schließung aufgefordert hätten. Die Doppelposten wiesen Personen, die die Geschäfte betreten wollten, auf die aus „staatspolitischen Gründen erfolgte Schließung“ hin und forderten sie „zur Unterstützung deutscher Geschäftsleute auf“.


In Roßla gab es nur ein jüdisches Geschäft, eine Textilwarenhandlung, die vom dortigen „Aktionsko- mitee“ boykottiert wurde. Am 3. April 1933 berichtete der Roßlaer Anzeiger, dass „der Kampf gegen die Judenhetze durchgeführt wurde. [...] Das Aktionskomitee hatte die Schaufenster des Filialgeschäftes Heilbrunn, Nordhausen (früher M. Meyerstein) weiß übertünchen und ein Warnschild ,Kauft nicht beim Juden’ am Firmenschild des Geschäfts anbringen lassen.“ Die SA stellte so genannte „Aufklärungsposten“ vor das Geschäft. Der Inhaber versuchte aber gar nicht erst, das Geschäft zu öffnen. Frau Meyerstein verzog später zu ihren Kindern nach Halle und wurde von dort aus in das KZ Theresienstadt verschleppt.


07.04.1933

Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. In Eisleben wurden 50 Personen aus der Stadtverwaltung entlassen. Darunter war auch Martha Gottschalk. [191]


Verordnung gegen jüdische Rechtsanwälte.

Das Reichsministerium der Justiz erließ am 07.04.1933 ein Gesetz über die "Zulassung zur Rechtsanwaltschaft". "Die Zulassung von Rechtsanwälten nichtarischer Abstammung kann zum 30.09.1933 zurückgenommen werden; dies gilt nicht für bereits seit dem 01. August zugelassene Anwälte und Frontkämpfer (des ersten Weltkrieges). [191] Im weiteren Verlauf wurden Einbürgerungen von Juden, die während der Weimarer Republik erfolgten, widerrufen. Nichtjuden wurde die Scheidung von ihren jüdischen Ehefrauen unter dem Vorwand, die Frau wolle ihre jüdische Herkunft verschleiern, ermöglicht. An zahlreichen Orten wurde der Besuch von Badeanstalten für Juden verboten oder stark eingeschränkt.


Dem Rechtsanwalt Dr. Königsberger wurde die Zulassung auf Grund seiner Teilnahme als Offizier an Ersten Weltkrieg und seiner Kriegsverletzung nicht entzogen. Jedoch wurde seine Arbeit sehr erschwert. Erst mit der Verordnung vom 27. September 1938 mußte auch er aus der Rechtsanwaltshaft ausscheiden. [191]


Die Stadt Eisleben verlieh dem Reichskanzler Adolf Hitler das Ehrenbürgerrecht.


10.05.1933

Bücherverbrennung - Auf öffentlichen Plätzen wurden in ganz Deutschland die Bücher von jüdischen wie von politisch unliebsamen Autoren verbrannt.



1935



Mai – August 1935

Verstärkte Hetz- und Boykottpropaganda gegen Juden in der Presse. In vielen Städten kam es erneut zu gewalttätigen Übergriffen auf Juden und zu pogromartigen Ausschreitungen, vor allem in Berlin.. Die Diskriminierung der jüdischen Mitbürger wird in Eisleben weiter verschärft. Die Behörden geben bekannt: „Wie in anderen Städten ist auch in Eisleben den Juden der Zutritt zum Stadtbad jetzt verboten worden. Schilder, die an den beiden Eingängen des Stadtbades angebracht sind, machen darauf aufmerksam." Eine knappe Woche zuvor hatte die Ortsgruppenleitung der Nazipartei ihre Mitglieder bereits angewiesen, nicht mehr in jüdischen Geschäften zu kaufen. Unmissverständlich wurde erklärt: „Wer beim Juden kauft, ist für uns ein Feind des Volkes." „Volksgenossen", die sich nicht daran halten, solle künftig keine Unterstützung mehr gewährt werden. Auch bei kleinsten Einkommen, so die NS-Ortsgruppenleitung, „läßt sich der Bedarf in deutschen Geschäften decken."


07.07.1935

Correspondence regarding the boycott of the Jewish firm Webag

Letter by Webag company 29 July 1935

Re: Boycott of A. Goldstein, the Eisleben branch of Webag.

Since July 8, A. Goldstein, representative of our Eisleben branch, is being boycotted in the following manner: On the night of 7 - 8 July 1935 banners were hung across the street near our store with the writing: Buying from the Jews is treason' and those who buy from Jews should be put on the pillory'. In the night of 10 - 11 July 1935 several unknown men broke five window panes... At the beginning of last week, the week of 15 - 16 July, people started to stand in front of stores, some in uniform and some in civilian clothing. The vigils were ordered to warn people not to enter our store. This activity has intensified in the past few days. The people are prevented from entering our shop, in some cases with the use of violence. Customers leaving the store are attacked by the men outside, they are insulted, called slaves of the Jews', traitors, etc. The result is that in the past few days, significant crowds assemble around our store, but only few clients dare enter.... The economic consequences are very obvious when one compares our turnover for the week of 22 - 27 July 1934 to this year's turnover. The turnover for the equivalent week in 1934 was 14,000 RM. This year it has shrunk to 8,800. This is a decline of 40%. We employ 124 people in Eisleben. Four of them are Jews and all the others are Aryans. 117 of our employees are members of the German Labour Front; many of them belong to other party organisations (Hitler Youth, SA). In reference to the many discussions with the Ministries of Interior and Economy, we wish to point out that the boycotts are illegal and in contravention of the instructions of these ministries... We ask you to act swiftly to stop this activity.

Webag. [32]


Report of Dr. Richter prepared by the state government in Magdeburg:

I have spoken to Mr. Friedlander of Webag on 29 July 1935 and heard his complaints about signs near the Goldstein store in Eisleben proclaiming that buying from Jews is treason'. In addition, unknown people have broken two of the company's window panes, and a photographer was positioned to take pictures of people entering and leaving the store. Mr. Friedlander has asked that the boycott against Jewish shops be brought to a halt, referring to the orders of the Reich Ministries of Interior and Economy. My reply was that I would naturally act to prevent terror activities against Jewish shops, but that there was nothing I could do against legal activity by the Party. Mr. Friedlander would have to address the Party in this regard. Mr. Friedlander also applied to the Police chief of Halle, but the latter refused to see him. Mr. Friedlander's demands that the boycott be stopped as instructed by the Ministries of Interior and Economy seem doubtful to me. Mr. Friedlander could not tell the police or me what department of the Ministry of Economy had empowered him to convey these instructions. I have already told the mayor of Eisleben to prohibit any terror activities against Jewish stores such as the one, which took place on 10-11 July 1935... In a lengthy conversation held on 30 July 1935, the Gauleiter told me that he is doing everything in his power to prevent actions of individual initiative. I naturally cannot do what Mr. Friedlander wants ¯ to stop all anti-Semitic activity in Germany. We cannot consent to Webag's demand and remove the banners. I have agreed with the Gauleiter , however, that no more signs will be put up naming specific stores... [32]


Reply of the NSDAP

18 December 1935 My reply to the complaint made by the Jew Goldstein is the following: The local party office continually acts to enlighten and educate the population by means of placing the current Stuermer edition in the showcase at the party building. There are other articles explaining the Jewish danger. All this is being done to inform the public.... I reject the accusation that this is a [forbidden] act of individual initiative.... [32]


15.09.1935

Nürnberger Gesetze - Im Rahmen des „Reichsparteitags" der NSDAP beschloss der Reichstag die „Nürnberger Gesetze". Das Reichsbürgergesetz führt eine Unterscheidung zwischen „arischen" Reichsangehörigen und bloßen „Staatsbürgern" ein. Dieses Gesetz stellte die Grundlage für spätere Verordnungen dar, die die Juden immer recht- und schutzloser werden ließen. Das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" verbietet Ehen und außerehelichen Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Nichtjuden. Des Weiteren wurde Juden die Beschäftigung weiblicher Hausangestellter „deutschen und artverwandten Blutes" sowie das Hissen der Reichsflagge verboten.


05.11.1935

Anti-jewish Boycott Intensified in Many Parts of Reich

Berlin, Nov. 5 (JTA) –

Intensification of anti-Jewish boycott activity in various sections of Germany was reported to the Jewish Telegraphic Agency today.

The boycott assumed wide-spread proportions in the Wittenberg district where more than 1,000 business houses and hotels began to display signs such as this: "We Don't Want to Deal with Jews."

In the Roeckingen district farm hands refused to help Jewish farmers harvest their crops. [...] Persons dealing with Jews also were the target of a decree by the Nazi leaders of the city of Eisleben who ordered all such persons immediately dropped from the relief rolls. [...]


14.11.1935

Aberkennung des Wahlrechts für Juden in Bezugnahme auf das Reichsbürgergesetz.



1936



September 1936

In der Septemberausgabe schrieb der Stürmer:

„In Sangerhausen unterhält der frühere Logenbruder Walter Kaese ein Speditionsgeschäft. Es wundert uns nicht, dass Herr Kaese als ehemaliger Freimaurer ein besonderer Freund der Juden ist. Erst kürzlich hat er wieder ein paar Pferde aus dem Judengeschäft Heilbronn aus Nordhausen gekauft, obwohl in Sangerhausen und Umgebung leistungsfähige deutsche Geschäfte dieser Art vorhanden sind. Nachdem der Sohn des Kaese Mitglied des Reitersturmes ist, besteht die Möglichkeit, dass die vom Juden gekauften Pferde auch im Dienst verwendet werden. Was soll das für einen Eindruck machen auf die Männer der SA.?“ [Der Stürmer 1936 Nr. 36]


15.09.1936

In Großörner erhängte sich der jüdische Kaufmann Max Herzberg.



1937



Juli 1937

In der Juliausgabe schrieb der Stürmer:

„Der Bauer Hugo Fricke in Niederröblingen (b. Allstedt i. Thür.) unterhält geschäftliche Beziehungen zu dem Juden Fleischmann in Sangerhausen. Der Viehhändler Emil Gareis macht dabei den Vermittler.“ [Der Stürmer 1937 Nr. 30]



1938



Zu Beginn des Jahres 1938 wohnten in Eisleben noch 68 Juden, unter ihnen acht Kinder. Im Oktober 1939 waren noch 30 jüdische Bürger in der Stadt. [119]


02.02.1938

Die Eheleute Bratel waren vom 2. Februar 1938 bis Ende Dezember 1938 im KZ Buchenwald interniert. [191]


März 1938

Jüdischen Kultstätten wurde der staatliche Schutz entzogen, der ihnen als Körperschaften des öffentlichen Rechts bisher zustand. Die Wehrmacht marschierte in Österreich ein. Die Atmosphäre in Wien war geprägt durch den antisemitischen Straßenterror. Juden wurden in aller Öffentlichkeit und unter starker Beteiligung der Bevölkerung geschlagen, gedemütigt und beraubt. Viele Juden flohen in die Nachbarländer.


23.04.1938

Der jüdische Kaufmann Alfred Wertheim aus Eisleben wurde verhaftet und in sogenannte Schutzhaft in das KZ Buchenwald gebracht.


Frühjahr - Sommer 1938

Ab Ende 1937 bereitete die Ministerialbürokratie weitere Gesetze vor, die zur endgültigen Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben führen sollten. Juden mussten Vermögen über 5.000 Reichsmark anmelden und im Juni 1938 ihre Betriebe kennzeichnen und registrieren lassen. Ab Juli erfolgte dann eine Reihe weiterer Berufsverbote für jüdische Makler, Hausierer und Vertreter, den noch verbliebenen jüdischen Anwälten und Ärzten wurden ihre Zulassungen entzogen. Ebenfalls im Juli wurde eine besondere Kennkarte eingeführt und im Folgenden erging die Verordnung, dass Juden zusätzlich die Vornamen „Sarah" und „Israel" führen mussten, eine Maßnahme, die die Betroffenen gleichermaßen demütigte und ihrem Umfeld gegenüber als Juden kennzeichnete.


17.08.1938

Am 17. August 1938 erließ die Regierung folgende Verordnung:

§1 „Juden dürfen nur solche Vornamen beigelegt werden, die in den vom Reichsminister des Innern herausgegebenen Richtlinien über die Führung von Vornamen aufgeführt sind.
§2 Soweit Juden andere Vornamen führen als sie nach §1 Juden beigelegt werden dürfen, müssen sie vom 1. Januar 1939 ab zusätzlich einen weiteren Vornamen annehmen und zwar männliche Personen den Vornamen Israel, weibliche Personen den Vornamen Sara.

Um die standesamtliche Eintragung dieser Zusatzvornamen mussten sich die Betroffenen selber kümmern. Es liegen uns aus dieser Zeit Briefe an das Standesamt in Eisleben vor, mit denen diese Eintragungen beantragt wurden.


20.08.1938

In Wien wurde die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung" unter Leitung von Adolf Eichmann gegründet. Damit wurde der staatlich organisierte Druck zur Auswanderung verstärkt und die Durchführung der Auswanderungsmodalitäten beschleunigt und zentralisiert.


27.09.1938

Mit der Verordnung vom 27. September 1938 musste auch der Eisleber Dr. Königsberger aus der Rechtsanwaltshaft ausscheiden. [191]


28.10.1938

17.000 Juden polnischer Herkunft, die meist bereits seit Jahrzehnten in Deutschland gelebt hatten, wurden abgeschoben. Da sie von den polnischen Behörden nicht als Polen angesehen wurden, mussten sie tagelang unter menschenunwürdigen Bedingungen im Niemandsland kampieren. Unter den Abgeschobenen befanden sich auch die Eltern von Herschel Grynszpan.


07.11.1938

Herschel Grynszpan schoss, als Reaktion auf die Behandlung seiner Eltern und der Juden in Deutschland, auf den Angehörigen der deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath und verletzte ihn  so schwer, dass jener zwei Tage später verstarb.


09.11.1938 - Reichspogromnacht

Klostermansfeld

In Klostermansfeld befand sich in der Chausseestraße neben dem sogenannten Flutgraben das Textilgeschäft der jüdischen Familie Bluhm. Einige Tage nach der Reichsprogromnacht im November 1938 erschien einer meiner Mitschüler außergewöhnlich elegant und vollständig neu eingekleidet in der Schule. Wir staunten nicht schlecht und wunderten uns sehr, denn wir konnten uns derart teure Kleidung nicht leisten. So erzählte er uns, daß er in der Nacht des 9. Novembers mit zahlreichen weiteren Leuten vor dem Textilgeschäft in der Chausseestraße gewesen sei und zugeschaut habe, wie einige Männer aus der Menge die Schaufensterscheiben einschlugen, mit Gewalt in das Geschäft eindrangen und versuchten, dort Feuer zu legen. Die Feuerwehr sei bereits vor Ort gewesen und hätte untätig zugeschaut, und man habe nach dem Juden Bluhm gerufen, der jedoch schon geflüchtet war. Das Geschäft sei dann geplündert worden und er selbst hätte sich auf diese Weise mit neuer Kleidung versorgen können. In den folgenden Tagen wurde dann auch von ähnlichen Ereignissen in Eisleben erzählt, wo in der gleichen Nacht das Warenhaus Goldstein gestürmt und geplündert worden war. [....]

Friedrich Guerge: “Persönliche Erinnerungen von Friedrich Gürge aus Klostermansfeld. [13]


Großörner

In Großörner durchsuchten Nationalsozialisten die Wohnung der jüdischen Familie Herzberg. Jenny, Herbert und Lutz Herzberg wurden verhaftet. Lutz Herzberg wurde in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. [733]


Hettstedt

Der Ortschronist fand bei seinen Nachforschungen im Stadtarchiv heraus, dass sich ein jüdischer Fotograf [Benno oder Bruno Nacher] kurz nach der Pogromnacht, in der Nazis und der Mob in ganz Deutschland die Geschäfte von Juden plünderten und gewaltsam gegen deren Besitzer vorgingen, das Leben nahm. Seine Frau soll mit ihren beiden Kindern die Flucht aus Deutschland zwar geschafft haben, sie wurde dann aber in Frankreich verhaftet und deportiert. Ihre Spur verliert sich mit der Deportation in ein Konzentrationslager. Otto Spieler geht fest davon aus, dass diese Familie ermordet wurde.


Es gab auch in Hettstedt zahlreiche Übergriffe auf Juden. Friedel Hohnbaum-Hornschuch kann als eine der letzten Augenzeugen ihre Erlebnisse in dieser Nacht schildern. Sie wohnte damals direkt gegenüber vom Kaufhaus Rosenberg am Hettstedter Markt. Das damals neunjährige Mädchen bekam die Plünderung des Kaufhauses unmittelbar mit. Sie kann sich immer noch präzise an alle Einzelheiten erinnern. So wurde ein Klavier aus dem ersten Stock auf die Straße geworfen. „Ich dachte, der Rosenberg ist verrückt geworden und habe meinen Vater gefragt, warum die Polizei nicht kommt“, erzählte sie der MZ. Ihr Vater sagte dem verblüfften Mädchen, dass das die Polizei selber wäre, die da wütet. Dann schildert sie, wie die Hettstedter am nächsten Morgen fassungslos vor dem gesamten Warenbestand, der auf der Straße lag, standen. Berge von Stoffen, Gardinen und Geschirr - eben alles was so ein Kaufhaus hat - türmte sich auf.

(Mitteldeutsche Zeitung am 10.11.2013)


Eisleben

Eine Eisleberin erinnert sich: „Wir spielten im November 1938 zu mehreren Kindern auf dem Mittelschulplatz, da kamen vier junge Männer, so um die 23 Jahre herum mit einer Fahne vorbei, und diesen einen kannte ich. Es war der Sohn vom Kohlenhändler F., wohnte in der Freistraße und dieser trug die Fahne. Wir Kinder liefen hinterher, sie gingen zum Textilgeschäft Burak. Das Haus ist abgerissen, es stand unten am Ende der Nußbreite zum Markt hin. Sie traten beide Schaufenster ein und riefen, schrieen vielmehr, sicherlich können Sie es sich denken, "Komm raus". Ich verstand es gar nicht, denn wir holten uns da schon mal ein paar Söckchen, und wenn das Geld nicht reichte, gaben sie es uns auch so.

Dann liefen sie rauf, fast bis zum Bahnhof, wo die Graumanns wohnten. Den Möbelwagen waren sie gerade dabei zu beladen, aber sie schafften es nicht mehr bis die Nazis kamen. Da waren sie auch schon im Haus und brachten den alten Herrn Graumann aus dem Haus, schlugen ihn mit seinem Stock immer wieder über die Nase und was sie dabei riefen, tut mir zu weh, um es zu wiederholen. Meinen Kindern und Enkeln habe ich es gesagt. Frau Graumann, Tochter oder Schwiegertochter, hatte ein Baby und sie rief immer wieder "Lassen Sie mir doch ein Bett und ein paar Anziehsachen". Was sie dann der armen Frau entgegen schrieen, möchte ich jetzt nicht wiederholen. Es wurde ein riesen Haufen, was sie aus den Fenstern von oben und unten warfen. Dieses alles verstand ich nicht. Ich war aber froh, als die Nazis weg waren. Sie nahmen den alten Herrn Graumann mit, ich sah aber dann, wie ein junger Mann, der bei den Graumanns angestellt war, ein paar Baby-Anziehsachen aus all dem Schutt suchte. Ich weiß auch, dass Goldstein, das große Geschäft, jedes Weihnachten armen Leuten Sachen spendete.“


Der jüdische Kantor Gustav Mosbach wurde verhaftet und in das KZ Buchenwald gebracht.


10. November 1938

Eine Zeitzeugin: “Am selben Tag ging ich die Rammtorstraße hoch, rechts, gegenüber vom Park, war das Textilgeschäft von Bratel. Da hingen die Betten zum Fenster hinaus, aufgeschnitten, dass die Federn herausflogen.“


Klaus Gebhardt: „Besonders schlimm und nachhaltig einprägsam waren die Ereignisse in Eisleben nach der Pogromnacht am 09.11.38. Morgens auf dem Weg zur Schule machten sich SA-Uniformierte an die Zerstörung der Geschäfts- und z. T. auch Wohnhäuser der jüdischen Mitbürger. Da waren die Losungen "Kauft nicht beim Juden!" zu sehen und neben Glasscherben lagen viele Einrichtungsgegenstände auf der Straße. In der Graumannschen Villa in der Funkstraße (heute Friedensstraße) hatte man sogar einen Flügel aus dem Fenster geschmissen.“


11. November 1938 - Das Eisleber Tageblatt meldete:

„Demonstrationen gegen das Judentum

Auch in Eisleben entlud sich ‑ wie in anderen Städten Deutschlands ‑ der Volkszorn über die schändliche Mordtat des Judenjungen Grünspan in Demonstrationen gegen das Judentum. Die erbitterten Massen zwangen die Schließung der jüdischen Geschäfte. An verschiedenen Stellen gingen dabei Fensterscheiben zu Bruch. In einem jüdischen Privathaus, dessen Bewohner sich provozierend benahmen, wurde die Einrichtung zertrümmert. Verschiedene Juden sind in Schutzhaft genommen worden. In den Nachmittagsstunden wurde die Bevölkerung durch einen Lautsprecherwagen der Kreispropaganda-Leitung aufgefordert, Ruhe zu bewahren und der Erbitterung über den jüdischen Weltfeind keinen gewalttätigen Ausdruck zu geben. Dieser Aufforderung wurde sofort überall Folge geleistet."


12.11.1938

Auf einer reichsweiten Konferenz unter Vorsitz von Hermann Göring wurde die vollständige Enteignung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland beschlossen. Bis zum Jahreswechsel mussten die verbliebenen jüdischen Geschäftsinhaber ihre Betriebe entweder schließen oder weit unter dem tatsächlichen Wert verkaufen. Darüber hinaus wurde den Juden noch eine „Sühneleistung" von einer Milliarde Reichsmark auferlegt. Auch die Kosten für die Beseitigung der Schäden, der so genannten Reichskristallnacht, mussten die Juden selbst tragen. Versicherungsansprüche wurden vom Staat beschlagnahmt. In der Folge des Novemberpogroms wurde Juden der Besuch von Museen, Theatern und anderen kulturellen Einrichtungen verboten und der Führerschein eingezogen. Die letzten jüdischen Kinder mussten die „deutschen" Schulen verlassen. Damit war die Bewegungsfreiheit der jüdischen Bevölkerung stark eingeschränkt und ihre Trennung von den „Ariern" weitgehend vollzogen.   


24.11.1938

Der Oberbürgermeister als Ortspolizeibehörde unterzeichnete eine Liste, in der die sogenannte Arisierung von Gewerbebetrieben von sieben Juden dokumentiert wird. Sie umfasste das Eigentum von:

  1. 1.B. Gumpert, Markt 52

  2. 2.S.u.M. Crohn K.-G., Markt 9

  3. 3.Georg Schottländer, Markt 54

  4. 4.Meta Löwenstein, Schlageter-Plan 15

  5. 5.Siegfried Rosenthal, Markt 55

  6. 6.Sigmund Isenberg, Markt 49

  7. 7.A. Goldstein KG, Sangerhäuser Straße 1-3


Bis 1939 folgten über 20 weitere.



1939



31.03.1939

Der Vorstand der Synagogen-Gemeinde schließt das Steuerjahr mit der Hebeliste 01.04.1938 - 31.03.1939. Es werden noch 35 Steuerpflichtige aufgeführt, von denen die meisten nicht mehr nach ihrem Einkommen veranlagt werden, sondern nur noch die Kopfsteuer von 12,- RM zahlen können. Zu diesen gehört auch der Kaufmann Benno Coffeld aus Ermsleben, obwohl die Juden dort einen eigenen Betraum hatten oder wohl zur nahe gelegenen Synagoge in Aschersleben gingen.


01.09.1939

Bis zum Kriegsbeginn am 1. September versuchten die meisten jüdischen Einwohner Eislebens aus Deutschland zu fliehen. Vielen gelang die Flucht, manche wurden in ihrem Exil durch den Krieg wieder eingeholt. Aus Eisleben konnten erfolgreich fliehen, soweit bekannt: 41 Personen. Von weiteren 4 Personen ist bekannt, dass sie aus ihrem Exil verschleppt und ermordet wurden. Die Zahl derjenigen, über die keine Aufzeichnungen gefunden wurden, ist hoch.


In Sangerhausen wurden 1939 nur noch 8 Bürger jüdischen Glaubens registriert.



1940



In der Juniausgabe schrieb der Stürmer:

„Wegen falscher Anschuldigung wurde der 76jährige Jude Matthias Meyerstein aus Sangerhausen zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt.“ [Der Stürmer 1940 Nr. 23]



1941



Nachdem der Grundbesitz von Juden in „arischen Besitz“ genommen worden war, und vielen die Wohnungen gekündigt, blieb nur noch der Einzug in ein so genanntes "Judenhaus". In Eisleben war das Haus der Eheleute Bratel in der Rammtorstraße 49 die letzte Zufluchtsstätte der noch ansässigen Juden in Eisleben. Alle elf Bewohner des „Judenhauses“ wurden ermordet:


Jacob Bratel 1943 KZ Theresienstadt

Martha Bratel 1943 KZ Auschwitz

Siegmund Isenberg 1943 KZ Theresienstadt

Alfred Katzenstein 1942 KZ Sobibor

Paula Katzenstein 1942 KZ Sobibor

Gustav Mosbach 1942 KZ Sobibor

Hedwig Mosbach 1942 KZ Sobibor

Julius Moses 1942 KZ Sobibor

Johanna Moses 1942 KZ Sobibor

Siegfried Moses 1942 KZ Majdanek

Dora Moses 1943 KZ Theresienstadt


Die Familie des Rechtsanwaltes Dr. Ludwig Königsberger musste in einer Baracke wohnen, Kastanienweg 3b, dort wo heute die Sporthalle steht.


  1. 25.November 1941

Nachdem den letzten Eisleber Juden ihre Erwerbsquelle genommen worden war, wurden sie nun zu Hilfsarbeiten gezwungen. Darunter war auch der 69-jährige Jacob Bratel.



1942



20. 01.1942

Die Wannsee-Konferenz beriet die „Endlösung der Judenfrage“.


März 1942

Errichtung des Vernichtungslagers Belzec


  1. 15.April 1942

Alle in Eisleben verbliebenen Juden mussten in das so genannte jüdische Altersheim in der Boelckestraße nach Halle umziehen. Ein Augenzeuge beschrieb, wie die Gruppe den Weg durch den Stadtgraben zum Bahnhof nahm.


Mai 1942

Errichtung des Vernichtungslagers Sobibor


16.05.1942

Beginn der Transporte aus dem Großdeutschen Reich ins Lager Auschwitz


26.05.1942

Attentat auf Heydrich in Prag. Als Vergeltung wird das böhmische Dorf Lidice durch die SS zerstört (9./10. Juni 1942).


Juni 1942

Beginn der Transporte aus dem Deutschen Reich ins Lager Theresienstadt


01.06.1942

Deportation von Juden der Eisleber Synagogen-Gemeinde von Halle nach Sobibor und ihre anschließende Ermordung:

  1. 1.Bauchwitz, Kurt geb. 1881 in Sangerhausen, Rechtsanwalt in Halle.

  2. 2.Bauchwitz, Paul geb. 1876 in Sangerhausen, Kaufmann in Halle.

  3. 3.Bernstein, Eva Mirjam geb. 1938 in Sangerhausen.

  4. 4.Block, Hedwig verh. Mosbach, geb. 1880 in Westerkappeln, wohnte in Eisleben.

  5. 5.Bluhm, Max geb. 1886 in Groß Sibsau, Kaufmann in Klostermansfeld.

  6. 6.Eckstein, Jenny verh. Königsberger, geb. 1895 in Berlin, wohnte in Eisleben.

  7. 7.Fleischmann, Jutta verh. Bernstein, geb. 1911 in Sangerhausen, wohnte in Sangerhausen.

  8. 8.Fleischmann, Otto geb. 1879 in Prichsenstadt, Viehhändler in Sangerhausen.

  9. 9.Friedmann, Rosa verh. Fleischmann, wohnte in Sangerhausen.

  10. 10.Gutmann, Paula verh. Katzenstein, geb. 1883 in Niederwerrn wohnte in Eisleben.

  11. 11.Katzenstein, Alfred geb. 1882 in Eisleben, Viehhändler in Eisleben.

  12. 12.Königsberger, Ludwig geb. 1891 in Eisleben, Rechtsanwalt in Eisleben.

  13. 13.Königsberger, Marietta geb. 1925 in Eisleben, wohnte in Eiseben.

  14. 14.Löwenstein, Julie geb. 1881 in Eisleben, Kauffrau in Halle.

  15. 15.Mosbach, Gustav geb. 1877 in Hörde, Kantor in Eisleben.

  16. 16.Moses, Julius geb. 1882 in Eisleben, Kaufmann in Eisleben.

  17. 17.Moses, Siegfried Samuel geb. 1925 in Eisleben, wohnte in Eisleben.

  18. 18.Weissfeldt, Lotte Minna verh. Bluhm, geb. 1889 in Zempelburg, Kauffrau in Klostermansfeld.

  19. 19.Wolff, Johanna verh. Moses, geb. 1887 in Woldenberg, wohnte in Eisleben.


Juli 1942

Errichtung des Vernichtungslagers Treblinka


16.12.1942

Erlass Himmlers zur Einweisung von „Zigeunern“ in das Lager Auschwitz-Birkenau.



1943



März

Die ersten Gaskammern und Krematorien im Lager Auschwitz-Birkenau wurden fertig gestellt.



1945



08.05.1945

Der Krieg in Europa endete mit der vollständigen Kapitulation Deutschlands. An diesem Tag befreite die Rote Armee auch das Ghetto und KZ Theresienstadt.


Von den deportierten und verfolgten Juden überlebten das Kriegsende:

  1. 1.Rosa Bindernagel (* in Artern), deportiert in das Ghetto Theresienstadt.

  2. 2.Siegfried Löwenstein (*13.10.1885 in Eisleben), deportiert in das Ghetto Theresienstadt.

  3. 3.Theresa Flatow, verh. Meyerstein, (*06.11.1874 in Sangerhausen), deportiert in das Ghetto Theresienstadt.

  4. 4.Frieda Loewe (*04.05.1903 in Sangerhausen), Zwangsarbeitslager in Leipzig.

  5. 5.Erhardt Meyerstein (*03.03.1898 in Sangerhausen), deportiert in das Ghetto Theresienstadt.  



Nach 1945



Unmittelbar nach Kriegsende wurde die jüdische Bevölkerung der Sowjetischen Besatzungszone auf etwa 3500 Personen geschätzt, was etwa drei Prozent der 1933 in den Statistiken des Deutschen Reiches erfassten jüdischen Bevölkerung dieser Gebiete entsprach. Der Volkszählung vom 29. Oktober 1946 zufolge lebten ein Jahr später in der SBZ etwa 4500 Juden, davon 435 in Sachsen-Anhalt.


Von den mehr als dreißig jüdischen Gemeinden, die es vor 1933 in Sachsen-Anhalt gegeben hatte, wurden zunächst nur zwei wiedergegründet: die Jüdische Gemeinde zu Halle (Saale) und die Jüdische Gemeinde zu Magdeburg (beide im Jahr 1947). In Halberstadt erfuhr die 800-jährige Geschichte dagegen nach dem Krieg keine dauerhafte Fortsetzung, obgleich hier 1945 von etwa 150 Juden aus verschiedenen Herkunftsländern, die aus den Konzentrationslagern entlassen waren, am 3. August 1945 kurzfristig eine Gemeinde neu ins Leben gerufen worden war. Doch bald darauf kehrten die ehemaligen Häftlinge in ihre Heimat zurück, sodass die Gemeinde wahrscheinlich noch in ihrem Gründungsjahr wieder aufgelöst wurde.


Am 5. Oktober 1947 wurde in Magdeburg der Landesverband Jüdischer Gemeinden im neu gebildeten Land Sachsen-Anhalt mit Sitz in Halle (Saale), Goethestraße 29, gegründet. Die Leitung übernahm der Vorsitzende der ebenfalls 1947 neu gegründeten Jüdischen Gemeinde zu Halle (Saale), Hermann Baden, sein Stellvertreter war Horst Karliner aus Magdeburg. Die weiteren Vorstandsmitglieder waren Landgerichtsdirektor Dr. Otto Bieber und der Kaufmann Leon Zamjre aus Halle (Saale) und Fabrikdirektor und Stadtrat Walter Gradnauer aus Ammendorf. Ein Jahr später wurden dem Landesverband die Rechte einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zuerkannt. Zu dieser Zeit existierten im damaligen Land Sachsen-Anhalt neun, zum Teil noch sehr kleine, jüdische Gemeinden.


An die jüdischen Mitbürger in Sangerhausen erinnert heute eine Gedenktafel, die am 7. Mai 1995 am Rathaus angebracht wurde.


Quellen

 

Geschichte der LETZTEN jüdischen Gemeinde zu Eisleben