Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitglieder des Synagogenvereins,
liebe Anwesende,
Primo Levi, ein Überlebender von Auschwitz, schrieb einmal:
„Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“
Dieser Satz richtet sich nicht an die Vergangenheit – er richtet sich an uns. Hier. Heute. An diesem Ort.
Wir haben uns heute an einem besonderen Ort versammelt: an einem Bahnhof.
Bahnhöfe sind Orte des Ankommens und des Abschieds. Orte des Aufbruchs und der Hoffnung. Orte zwischen zwei Orten – zwischen dem, was war, und dem, was kommt. Für viele sind Bahnhöfe verbunden mit Wiedersehen, mit Neuanfängen, mit dem Versprechen von Bewegung und Freiheit.
Für Jüdinnen und Juden in Deutschland aber tragen Bahnhöfe eine andere, dunkle Bedeutung. Sie stehen nicht nur für Flucht – für die verzweifelte Hoffnung, diesem Land noch entkommen zu können –, sondern auch für Verschleppung, Deportation und den Beginn eines Weges in Entrechtung, Leid und Tod. Für viele waren Bahnhöfe der letzte Ort auf deutschem Boden, den sie je gesehen haben.
Für andere war es der Anfang einer Fahrt in eine ungewisse Zukunft, aus der es kein Zurück gab.
Am heutigen 27. Januar erinnern wir an die Opfer des Nationalsozialismus. An sechs Millionen ermordete Jüdinnen und Juden. An zerstörte Familien, ausgelöschte Lebenswege, verlorene Kulturen. Und wir erinnern daran, dass dieses Verbrechen nicht plötzlich geschah. Es begann mit Worten. Mit Ausgrenzung. Mit Gleichgültigkeit. Mit dem Wegsehen vieler.
Gerade deshalb ist dieser Ort heute so bedeutsam. Ein Bahnhof ist kein Museum. Er ist Gegenwart. Er ist Bewegung. Und er stellt uns eine Frage: Wohin fahren wir als Gesellschaft?
Wir leben in einer Zeit, die oft als „Zeitenwende“ bezeichnet wird. Für viele klingt dieses Wort inzwischen nicht mehr nach Aufbruch, sondern nach Verunsicherung. Nach Härte. Nach einer zunehmenden Verrohung im Ton, in den Bildern, im Denken. Antisemitismus zeigt sich wieder offener, selbstbewusster, lauter – auf der Straße, im Netz, im Alltag.
Unsere Verantwortung heute ist klar: Bahnhöfe dürfen niemals wieder Orte der Angst werden. Sie dürfen keine Orte sein, an denen Menschen wegen ihres Glaubens, ihrer Herkunft oder ihrer Identität fürchten müssen, nicht willkommen zu sein. Dieses Land ist nur dann ein freies Land, wenn alle Menschen hier sicher leben können – sichtbar, selbstverständlich und ohne Angst.
Erinnern heißt nicht nur zurückzublicken. Erinnern heißt handeln. Mit Haltung, mit Menschlichkeit und mit der klaren Entscheidung, wohin wir gemeinsam gehen wollen.
Möge dieser Bahnhof ein Ort des Gedenkens sein – und zugleich ein Versprechen:
Dass wir wachsam bleiben.
Dass wir nicht schweigen.
Und dass wir uns immer wieder bewusst für Würde, Respekt und Zusammenhalt entscheiden.
Ich danke Ihnen.
Carsten Staub, Bürgermeister der Lutherstadt Eisleben,
Rede Bürgermeister der Lutherstadt Eisleben, Carsten Staub, zum Holocaustgedenken am 27. Januar 2026