Die Häuser der jüdischen Mitbürger

 

Lutherstraße 6

Dieses Foto wurde ca. 1955 vom Dach des Hauses Hallesche Straße 2, ehemals Hotel Monopol und später Modehaus Naumann, aufgenommen. Es zeigt einen Einblick in die Lutherstraße und an dem Knick nach links sieht man die ehemalige Synagoge. Das ist das einzige historisch Bild der Synagoge, und wenn man diesen Bereich weiter vergrößert, kann man auch tatsächlich interessante Details der Synagoge erkennen. Aber darum geht es hier nicht.


Es geht um das Haus gegenüber, das auch auf diesem Bild nicht zu sehen ist. Es gibt keine historischen Abbildungen von der Lutherstraße, mit Ausnahme des Luthergeburtshauses und dessen Nachbarhauses. Von Eisleben wurden tausende Zeichnungen und Photographien gemacht, aber auf keinem ist die Synagoge zu sehen. Dass das bestimmt mit Antisemitismus zu tun hat, wollen wir an dieser Stelle nicht weiter untersuchen. Auch von den jüdischen Bürgern hat keiner ein Bild von der Synagoge hinterlassen. Warum sollte er auch? Nachdem die Synagoge unphotograhierbar war, ist es das gegenüberliegende Haus natürlich erst recht: Dr. Lutherstraße 6, genau gegenüber von der Synagoge:




Das Haus kam nach der Wende in das Eigentum der Stadt und wurde ca, 2008, mit einigen Nachbarhäusern, im Rahmen der IBA abgerissen. Der erlaubte Wortlaut ist „zurückgebaut“, und das Grundstück wurde „zurückgegeben“. Heute (2019) Ist das zurückgegebene Grundstück unbebaut und von Gabionen und Hecken umgeben. Das sieht gar nicht so schlecht aus. Und die Wohnsituation so eng zwischen Lutherstraße und Badergasse war wirklich nicht gut. Eine rot angestrichene Zimmertür soll „Investoren“ animieren, hier wieder neu zu bauen.


Aber wer lebte einst in diesem Haus? Damit kommen wir zum eigentlichen Inhalt dieses Exkurses. In den 1920er Jahren wohnte hier nämlich der jüdische Kaufmann mit dem merkwürdigen Namen Samuel Siegfried Ellgutter.


Samuel Siegfried Ellgutter wurde 1884 in der Stadt Neiße, heute Nysa in Polen, geboren. Seine Eltern waren der jüdische Prediger und Religionslehrer Isidor Ellgutter, geboren in Kempen in Posen und gestorben in Plauen, und die Hedwig Lasker, geboren in Berlinchen in Brandenburg und gestorben in Plauen.


Samuel Siegfried hatte fünf Geschwister, von denen einer im ersten Weltkrieg viel und mindestens zwei in der Shoa ermordet wurden.


Warum und wie Samuel Siegfried in den 1920er Jahren nach Eisleben kam wissen wir nicht. Das wissen auch seine Urenkel in Guatemala und Israel nicht. Jedenfalls heiratete er die nicht jüdische Friederike Anna Birnstil aus Eisleben. Sie wohnten in der Karl-Fischer-Straße, am Klosterplatz und wohl auch in der Lutherstraße 6, in der Samuel Siegfried ein Versandgeschäft betrieb. Der Vater von Friederike Anna war vermutlich Robert Birnstiel, Kläuber in Eisleben. Er wohnte in der Neißestraße 20 in Eisleben. Die Urenkel, Heidy in Guatemala und Tziv in Israel, wüssten gerne mehr über diesen Teil ihrer Familie.


1927 und 1933 wird Samuel Siegfried  Ellgutter als stimmberechtigtes Mitglied der Eisleber jüdischen Gemeinde erwähnt. Aber 1938 war es vorbei. Da mussten sie fliehen.

 


Isidor Ellgutter (1852-1926), der Vater von Sigefried Samuel, Prediger und Religionslehrer in Neiße, Plaune, Berlin und Bamberg




Hedwig Lasker (1862-1903), die Mutter von Siegfried Samuel





Siegfried Samuel Ellgutter (1884-1962)




Friederike Anna Birnstiel (1890-1968), die Frau von Siegfried Samuel

 

Lutherstraße 6

 
 

Dieses Foto wurde ca. 1955 vom Dach des Hauses Hallesche Straße 2, ehemals Hotel Monopol und später Modehaus Naumann, aufgenommen. Das Haus Lutherstraße 6 stand gegenüber.