Die Häuser der jüdischen Mitbürger

 
 

Markt 55

Das Haus gehörte wohl schon lange dem jüdischen Geschäftsmann Gabriel Rosenthal, der vermutlich in den 1860er Jahren geboren worden war, und hier ein Konfektionsgeschäft hatte. Er wohnte mit seiner Familie im Haus am Plan Nr. 8, das ihm ebenfalls gehörte. Er und seine Frau Bertha Wollmann starben offenbar vor 1936, denn da erscheinen sie nicht mehr in den Adressbüchern.

Sie hatten drei Söhne: Erich (gefallen im 1. Weltkrieg), Siegfried und Willy (Zeev) und eine Tochter mit Namen Frieda.

1922 übernahm Siegfried Rosenthal das väterliche Geschäft am Markt. Nach der Aussage von Margalit Drach-Rosenthal vor dem Claims Tribunal wurde das Eigentum von Siegfried Rosenthal Mitte der 1930er Jahre von den Nationalsozialisten konfisziert; er selbst wurde gezwungen Eisleben zu verlassen. Nicht lange danach starb er an einer Krankheit.

Alle seine Geschwister wurden ermordet. Mehr darüber berichten wir im Abschnitt über das Elternhaus Plan 8. Nur Ursel (Odile) Rosenthal, die Tochter von Siegfried,  überlebte den Holocaust; 1955 lebte sie in Argentinien.

Als Entschädigung für die Enteignung des Hauses wurden 134.214,12 EUR an die Claims Conference bezahlt.



Spätestens seit 1930 wohnte hier auch der jüdische Kaufmann Carl Herzfeld, der 1888 in Wulfen geboren worden war. Er erscheint auch im Adressbuch von 1936 unter der Anschrift Markt 55. Im gleichen Jahr hatte er eine Tabakwarenhandlung, am Schlageter - Plan 11. Seine Frau Margarethe, geb. Brüning, war nicht jüdisch und die beiden hatten 1920 in Eisleben geheiratet. Von Ehepaaren, die einen nichtarischen Ehepartner hatten, wurde in der Zeit des Nationalsozialismus die Scheidung verlangt. So sollten sich auch die Eheleute Herzfeld trennen. Sie jedoch blieben zusammen und versuchten, die Scheidung zu umgehen. 1938 wurde Herzfeld nicht von der Ortspolizei gelistet. Er bezahlte aber noch seine Kirchensteuer an die jüdische Gemeinde. Die Familie Herzfeld wanderte um 1939 in die Niederlande aus. Dafür wurde Ihnen 1940 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Irgendwie gelang es ihnen die deutsche Besatzung der Niederlande zu überleben, denn am 15. Juli 1948 annoncierte Carl Herzfeld anlässlich seines 60. Geburtstages: „Carl Herzfeld, früher Eisleben, Sachsen, jetzt Holland, Amsterdam Z Biesbosch Str. 19.

feiert am 15. Juli 1948 seinen 60. Geburtstag.“ Carl Herzfeld hat die Verfolgung also überlebt.


Der antijudaistisch eingestellte Komponist Richard Wagner hatte hier sein 8. Lebensjahr (1822) bei seinem Stiefonkel, Karl Geyer, verbracht.


Nach Angaben der Claims Conference wurden den jüdischen  Nachfahren EUR 134,214.12 zugesprochen.

 


Markt 55




Gabriel Rosenthal, Werbung 1885








Die blaustichigen Fotografien stammen aus 2008. Die Schwarzweiß-Abbildungen sind historisch. Nähere Angaben zu den Quellen und weitere Daten können dem Abschnitt „Genealogie“ entnommen werden.

Genealogische Datenbank


 

MARKT 55

Der Markt in einer historischen Aufnahme. Gerade am Marktplatz wohnten viele jüdische Kaufleute und hatten hier ihre Geschäfte: Markt 54 „Georg Schottländer“, Markt 55 „Siegfried Rosenthal“